Süddeutsche Zeitung - 29.12.2014

Ein Hirsch manifestiert noch kein Heimatgefühl, eher eine Freude An Kitsch. Oder sagen wir: einen schmerzfreien Umgang mit Motiven, die an den Geschmacksnerven kitzeln. Ruth Grünbein hat jedenfalls keine Hemmungen, einen Hirsch unter Palmwedel zu stellen, einem Mops Flügel zu verleihen und Affen von einem Chandelier baumeln zu lassen und dazu in großen Lettern zu fragen "What can we do". Das sind verknappte Beschreibungen dreier Bilder der Schweinfurter Malerin, die in ihrem Kalender "Wildschön" zu finden sind. Grünbein arbeitet in Mischtechnik. Druckt und malt, kombiniert Tierdarstellungen mit Wörtern und Sätzen in verschiedenen Schriften und liebt kräftige Farben quer durch den Malkasten. Die 61-jährige zeigt ihre Bilder regelmäßig in Ausstellungen - im Sommer zum Beispiel waren sie im Kunstkabinett Regensburg zu sehen. Obwohl sie in einem Atelier entstehen, wirken sie wie Streetart - unter Zeitdruck, illegal gemalt. Zweifelsohne hat sie sich bei Studienaufenthalten in New York zu ihrem Stil inspiereren lassen. Grünbein hat sich erst im Alter von 40 Jahren professionell der Kunst zugewandt und unter anderem bei Boris Tomschiczek und Markus Lüpertz gelernt. Letzterer lobt ihren "großzügigen Farbauftrag", der im Druck nicht so üppig wie im Original wirken kann. Und doch machen Grünbeins farbstarke Kalenderbilder Spaß, weil sie frech, frisch und dekorativ sind.

Aus der Republik der Kunst – Dr. Gerhard Charles Rump, Redakteur in der Kunstmarktredaktion „DIE WELT“

Ruth Grünbein, die unter anderem bei Markus Lüpertz gelernt hat, begann 1993 mit der Kunst. Es gibt kleinformatige Arbeiten von ihr, aber auch sie liebt große Bilder, und bei Abmessungen von 200x320 cm mag man schon vom Monumentalformat reden. Sie aktiviert also Größe als ästhetische Kategorie. Dabei ist sie variantenreich – so wie der erste Präsident der Royal Academy, Sir Joshua Reynolds. Thomas Gainsborough rief spontan in einer Ausstellung von Reynolds aus:“Damn, how various he is!“ (Zäfix, wie variantenreich er ist!). Nimmt Ruth Grünbein hier eine Abfolge von Rundformen, unterbrochen von unregelmäßigen formalen Interventionen, steht dort schon die Fläche bereit, bestimmendes Bildelement zu sein. Auch hier: Verlebendigung und Vermehrdeutlichung durch Schrift. Schrift scheint auf klare Tatsachenbehauptungen zu zielen, mindestens tendenziell. Es könnte aber gut sein, dass die Rolle schriftlicher Äußerungen hier durch Ruth Grünbein ins Gegenteil gekehrt wird. Schriftzeichen und Bildzeichen kokettieren mit ihren Inhalten, necken sich, führen den Betrachter auf falsche Fährten. Ruth Grünbein liebt die starken Zeichen, kraftvolle malerische Gesten, die sie allerdings auch wieder mit geradezu lyrischen Partien kontrastiert. Stets spannungsvolle Malerei, die die inneren Kräfte auch in den Farben aufleuchten lässt.



Welt

Kunstmarkt

Bilder von Ruth Grünbein im FDP-Haus
von Maximilian Keller

"Unbeschreiblich" heißt der Titel der Schau von Ruth Grünbein, einer Schülerin von Markus Lüpertz, in der FDP-Bundesgeschäftsstelle im Thomas-Dehler-Haus.
Unbeschreiblich - das bezieht sich eindeutig auf die Tatsache, dass es in der Kunst Inhalte gibt, Geheimnisse, die sich letzten Endes einer Beschreibung in Worten entziehen. Und das, obwohl Worte eine große Rolle im Werk Ruth Grünbeins spielen. Es sind aber Worte, und Schriftzüge, die man nicht im üblichen Sinne lesen kann, die für die Idee von Schrift und Sprache stehen, und die auf die Bildlichkeit von Schrift ebenso wie auf die Sprachlichkeit des Bildes verweisen.
Zwei Seelen wohnen jedoch in Ruth Grünbein - die eher lyrische, mit zarten, entfernt an Cy Twombly und Gerhard Hoehme erinnernden Bildern mit der geheimnisvollen Poesie, und die eher dramatische, voll dunkler Energie, die sich in expressiven, gestischen Bildern ausdrückt. Hier wird oft mit Schwarz und Weiß und Grau gearbeitet, in machtvollem Pinselstrich, begleitet von buntfarbenen Akzenten, die, ein Thema wie auf einer Piccolo-Flöte, die großen Akkorde begleiten. Die Preise bewegen sich im unteren vierstelligen Bereich; es gibt einen Katalog.

Artikel erschienen am 29.09.2006 in "Die Welt"



Auszug aus dem Katalogtext zu "unbeschreiblich" von Dr. Gerhard Charles Rump, Redakteur in der Kunstmarktredaktion „DIE WELT“

Ruth Grünbeins Malerei ist da, wo sie nicht verschriftlichte Gesten ausführt, stark, kräftig und expressiv, manchmal voll dunkler Gefühlsenergie. Aus der aber werden ganze Bildwelten aufgebaut, die der Betrachter forschend zu erkunden hat. Oder sie lässt sanfte Nebel wallen, durch die sich seltsame Fabelwesen ziehen. In solchen Bildern, die oft eine klare Entscheidung zwischen abstrakten Haupt- und Nebenfiguren aufweisen und damit die gegenseitigen Beziehungen dieser verdeutlichen (womit sie rekonstruieren, was Komposition, was Bildgefüge ist), verbindet sich der malerische Gestus gelegentlich auch mit den Anklängen an ideographische Schrift, also an Schrift, die, wie etwa die chinesische, enger auf ursprüngliche Bildzeichen zurückgeht als unser lateinisches Alphabet. Hier ist aber keine Zitierweise gemeint: Die Zeichen sind trotz aller Anklänge an Schrift stets autonome Bildfiguren.



Prof. Dr. Markus Lüpertz sagt im August 2006 zu den Arbeiten:

Farben sind für Ruth Grünbein Standortbestimmung die durch ihre Zufälligkeit Korrespondenz sichtbar machen. Dieses Spiel gebiert ein Zuweisen in dem die eine Farbe die andere gebiert. Die Großzügigkeit des Farbauftrages ist Voraussetzung für dieses nicht greifbare ihrer Bilder. Das eine Bild fordert das andere und bei mehreren Bildern wird ein Rausch sichtbar der nie unterbrochen werden sollte.



Links


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